Es war Frühling und diese wahre Geschichte trug sich über die Osterfeiertage 2016 zu. Noch immer begeistert vom Osterwunder, von dem ich übers verlängerte Wochenende Zeugin wurde, zeige ich ein paar Fotos auf meinem Smartphone meinen Arbeitskollegen. Nicht jeden interessiert es. Kollege H. aber zaubere ich damit ein Lächeln ins Gesicht, und er merkt an, dass dies ein sehr schönes Hobby wäre, was ich da betreibe. Weil dies aber keines meiner Hobbys ist, sondern einfach reiner Zufall, erzähle ich ihm die Geschichte von vorn. So wie euch hier jetzt auch:

Also, ich wollte mir einfach nur etwas für mein Abendessen aus meinem Kühlschrank holen. Dafür öffnete ich die Türe vom Kühlschrank. Da kam plötzlich ein lauter Schrei aus meinem Mund und ich schlug die Kühlschranktür blitzschnell wieder zu. Nach dem ersten Schock öffnete ich behutsam dieselbe Tür und entdeckte genau auf Augenhöhe eine dicke grüne Raupe. Ekel stieg in mir hoch, während ich mich fragte, wie dieses Tier denn bloß in meinem Kühlschrank gelandet ist. Zum Glück machte mein Ekel bald Platz für meine Neugier. Jetzt schaute ich mir das grüne Tier genau an. Eigenartig, dachte ich, diese Raupe scheint noch zu leben, obwohl sie sich den ungünstigsten Platz im Kühlschrank ausgesucht hatte, d.h. den Isoliergummi zwischen Kühlschrankcorpus und Kühlschranktüre. Sonderbarerweise wurde die kleine grüne Raupe nicht zerquetscht, sondern stattdessen nur in den Gummi gedrückt. Bei näherem inspizieren des kleinen Getiers, bemerkte ich, dass die Raupe bereits an einem seidenen Faden hing bzw. sich an genau diesem am Isoliergummi festgehalten hat. Mittels zwei Blatt Papier manövrierte ich das Tier vorsichtig aus meinem Kühlschrank.
Da fiel mir wieder ein wie sehr ich mich bereits von klein auf für den Werdegang der Raupen zum Schmetterling interessierte, weil diese Tierchen doch echt sehr speziell sind. An Wiedergeburt an sich kann man glauben oder auch nicht, aber eine Raupe, die durch die Verpuppung zum Schmetterling wird, ist für mich fast schon ein Beweis für die Existenz mehrerer Leben. Die Raupe zieht das Prozedere halt einfach im Zeitraffer durch, sprich in einer Zeitspanne von sieben bis 14 Tagen. Höchstwahrscheinlich kann sich eine Raupe in der Zeit als Schmetterling dann vermutlich nicht an ihr voriges Leben als dicke kleine Raupe erinnern. Ja, geschweige denn an die Zeit im Inneren ihres selbstgesponnen Kokon. Ich freute mich also über das Glück, dass diese Raupe es mir durch ihren zufälligen Besuch in meinem Kühlschrank ermöglichte, ihre Verwandlung aus nächster Nähe mitzuverfolgen. Ich benötigte also eine Art Käfig für die kleine Raupe, damit sie mir nicht mehr abhauen konnte. Eine kleine durchsichtige Plastikverpackung, in die ich mit einer Nadel ganz viele Luftlöcher stach, schien mir das perfekte Zuhause für mein neues Haustier zu sein. Da es schon spät war, entschied ich mich dazu, die Raupe am morgigen Tag mit ausreichend artgerechtem Futter zu versorgen. Doch so lange wollte oder konnte die kleine dicke grüne Raupe nicht warten und hat sich bereits über Nacht einen sicheren Kokon gesponnen. Am Morgen war ich etwas überrascht, aber gleichzeitig auch sehr zufrieden, weil so war die Raupe jetzt auch nicht meine Gefangene. Der durchsichtige Plastikbehälter mit seinen Luftlöchern diente jetzt lediglich als Aufbewahrungsort für ihre Puppe. Zwei Wochen später, am Ostersamstag, hatte ich Freundinnen zu mir eingeladen, um gemeinsam ein selbst gebackenes Oster(nusskuchen)lamm zu verspeisen. Es war ein feiner Abend, also saßen wir lange an meinem Esstisch zusammen. Plötzlich aber fing die Schmetterlingspuppe an sich zu bewegen. Die Puppe brach am unteren Ende auf und der Geburtsvorgang war nun im vollen Gange. Meine Freundinnen und ich rechneten damit, dass der Schmetterling gleich aus der Puppe herausschlüpfen würde. Naja, dem war dann nicht so, denn es dauerte eine Ewigkeit. Für den Schmetterling war es Schwerstarbeit sich aus dem eigenen Kokon zu befreien.
Wir alle waren schon sehr müde, also verabschiedeten sich meine Freundinnen und auch ich ging zu Bett. Den durchlöcherten Plastikbehälter stellte ich auf meinen Nachttisch, leider aber schlief ich schon bald ein. Am Morgen erwachte ich von den sanften Flattergeräuschen im Plastikbehälter, denn da saß er, mein kleiner schöner Schmetterling. Sofort öffnete ich den „Käfig“ und wartete darauf, bis der Schmetterling sich nach draußen wagte. Seine Flügel waren noch verklebt, also musste er noch eine ganze Weile auf meiner Decke rumsitzen, damit er die Flügel zum Trocknen ausbreiten konnte. Danach setzte ich den kleinen Schmetterling in mein Osterblumengesteck, weil ich dachte, dass es ihm auf Blumen besser gefiel. Irgendwie nahm ich an (warum auch immer), dass es sich um eine Schmetterlingsdame handelte, also taufte ich sie „Fabienne“, abgeleitet von fabulous, weil ich die Raupe-zu-Schmetterling-Verwandlung einfach fabelhaft fand. Später aber schlug ich in meinem Schmetterlingsbuch (ja, ich habe so etwas zuhause, weil Schmetterlingsfan) nach, um die Art zu bestimmen. Dort fand ich heraus, dass es sich um einen Kohlweißling und insbesondere nicht um eine Frau sondern um einen Herrn Schmetterling handelte, weil nur einen statt zwei schwarzer Punkte auf der Oberseite beider Flügeln. Also taufte ich ihn kurzerhand in „Fabio“ um. Nach seinen ersten Flugversuchen in meiner Wohnung, entließ ich ihn in die Freiheit, und das obwohl ich ihn sehr gerne behalten hätte.
Jahre später stelle ich im Nachhinein fest, dass ich zum damaligen Zeitpunkt dieser kleinen, dicken und grünen Raupe gar nicht unähnlich war. Auch ich errichtete mir, nachdem ich von unerfreulichen Erlebnissen in meinem Leben beinahe zerquetscht worden wäre, eine Art Schutzkokon, in den ich mich zurückzog, um mich auf ein neues besseres Leben vorzubereiten. Von außen betrachtet war es einfach eine lange Zeit, in der ich scheinbar tot war. In meinem Inneren aber, fand eine tiefgehende Wandlung statt. Den schützenden Kokon habe ich zu meinem Glück aufgebrochen und mich wieder ins Außen gewagt. Und wer weiß, vielleicht bin ich jetzt sogar fähig zu fliegen?







wow!! 96Zu Beginn, eine Geschichte eines Wandels
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